Kolumne (8) – Ist das auch vegan? Vertrauen beim Auswärts-Essen

Praliné im Angebot, KI

Es war nur eine kurze Frage und ich hatte auch etwas gezögert, sie zu stellen: „Sind die vegan?“
Wir hatten ganz wunderbar gegessen. Wirklich kreative, besonders zusammengestellte Gerichte, saisonal, biologisch und vegan. Das Restaurant hat zwar die ganze Palette im Angebot, Fleisch, Fisch und vegetarisch stehen in der Karte, weist aber dort extra darauf hin, dass auf Nachfrage und am besten mit Vorankündigung gerne ein komplettes Menü in vegan bereitet wird. So hatten wir es bei der Tischreservierung direkt angemeldet, bei der Bestellung nochmals betont, alles bestens.. Und die Gerichte waren dann auch, ich wiederhole es gern, äußerst köstlich, kreativ und saisonal zusammengestellt. Beim Servieren wurde uns jede Komponente erklärt, es war winterliches Gemüse, es gab Urkarotte, Pastinake, Rote Beete, Kreationen mit Apfel, Kartoffel, Wintergetreide, alles wunderschön angerichtet. Der Preis für die Qualität war angemessen, aber keinesfalls zu hoch. Kurzum, wir fühlten uns rundum wohl und mit unserer veganen Vorliebe verstanden.

Sind die auch vegan?

Dann kam aber der heikle Moment. Nach dem Mahl bestellten wir Espresso und wurden gefragt, ob wir auch einen Nachtisch möchten. Ich zögerte einen Moment, einen unsicherer Blick nach gegenüber gerichtet. Es gäbe selbst gemacht Pralinés. Das wusste ich, denn ich hatte die Karte studiert. Dennoch zögerte ich erneut einen Moment, um schließlich doch zu fragen: „Sind die vegan?“

In der Karte gab es dazu keine Information und für mich war es nicht selbstverständlich. Denn von kleinen Feinheiten mit Schokolade, die als Nachspeise in der Speisekarte stehen, erwarte ich nicht, dass die vegan sind.
Unsere Gastgeberin war dennoch irritiert, möglicherweise sogar in ihrer Ehre gekränkt. Natürlich wusste sie, dass wir bis dahin komplett vegan bestellt hatten. Als aufmerksame Gastronomin hatte sie das ganz sicher im Blick, zumal die Zahl der Gäste noch überschaubar war. Dennoch war es mir ein Bedürfnis, das vor meiner Bestellung zu klären. Die Antwort war dann auch eher sybillinisch als konkret: Manche Menschen würden Zartbitterschokolade als vegan betrachten, manche nicht. „Das kommt drauf an, ob sie es ist“, sagte ich wohl, bestellte aber im gleichen Moment den Nachtisch, der ebenso köstlich war wie die Vor- und Hauptspeise. Es blieb nur ein kleiner Moment der Unsicherheit, die das Gesamterlebnis allerdings nicht trübte.

Kontrolle oder Sorgfaltspflicht?

Ich akzeptiere für mich, gerade wenn ich in ein Restaurant gehe, das auch nicht-vegane Speisen anbietet, dass ich hier nicht die hundertprozentige Kontrolle über alle Zutaten habe. Im Zweifel bin ich lieber höflich als nervig. Vielleicht war die Nachfrage in der Situation bereits zu viel, für mich war es die Sorgfaltspflicht mir gegenüber, die meine Unsicherheit zum Ausdruck brachte.

So sehr ich für Gastronom*innen Verständnis habe, die sich durch allzu kritische oder anspruchsvolle Veganer*innen gegängelt fühlen, ist aus Sicht des Gastes eine Nachfrage andererseits häufig gerade notwendig. Allzu häufig findet man noch den Klassiker, dass Salat mit Putenstreifen auf der Speisekarte in der Kategorie „Vegetarisch“ landet oder Fisch bei fleischlos einsortiert wird. Bei veganen Speisen muss ich darauf vertrauen, dass beispielsweise auch Saucen vegan zubereitet werden. Weiß die Küche oder die Bedienung immer genau, was der Unterschied zwischen vegan und vegetarisch ist? Den Eindruck habe ich nicht in allen Gaststätten, die mit veganen Optionen werben, noch weniger bei denen, die auf Nachfrage sagen, dass sie welche hätten.

Schnitzel vegan, saucenlos, mit böser Überraschung

Dazu passt ein zweites Beispiel: Landgasthof im Münsterland, das Angebot: schnitzellastig, Werbung auf Schild vor dem Haus: es gibt vegane Speisen. „Für den kleinen Hunger“ war das Falafel mit Pommes und auf der Schnitzelseite waren unten auch Hähnchenschnitzel und Valess-Schnitzel (vegan) aufgeführt, beide seien in allen darüber aufgeführten Variationen zu bekommen, also als Champignon-Rahmschnitzel, als Schnitzel-Hawaii mit Käse überbacken, mit Sauce Hollandaise oder in der BBQ-Variante mit extra Speck. Ich fragte mich bei der Lektüre, was der Sinn eines veganen Schnitzels wäre, wenn es mit Käse überbacken ist oder ich Speck dazu bestelle. Dass eine der Schnitzel-Varianten vegan sei, stand nicht in der Karte. Ich ließ mich also beraten: Welche Variante könne ich denn zum veganen Schnitzel nehmen? Nun, es war, falls ich vegan bleiben wolle, keine. Und woraus das Valess-Schnitzel denn besteht, erkundigte ich mich. Also ob aus Soja oder Weizen oder aus einer anderen Proteinquelle. Das konnte mir die Bedienung ebenfalls nicht sagen.Sollte ich womöglich der erste Gast seit 2019 sein, der dieses Schnitzel bestellte? Also nahm ich das „vegane“ Schnitzel ohne Variante, sprich ohne Sauce, aber mit Kroketten. Lecker. Aber etwas trocken. Das vegane Bier glich es etwas aus.

Und dann die böse Überraschung: Da ich den Begriff Valess-Schnitzel nicht kannte, ging ich daheim auf Recherche: diese werden aus „Magermilch und weiteren sorgfältig ausgewählten Zutaten“ hergestellt, so die Info des Herstellers auf dessen Internetseite. Alle Valess-Schnitzel sind dort als vegetarisch angegeben, vegan ist keines. Also höchstwahrscheinlich auch nicht das im Landgasthaus im Münsterland.
Schreibe ich dem Gastronom nun ein wütende E-Mail? Ich ließ es bleiben, werde jene Örtlichkeit aber in Zukunft meiden. Schade um den Vertrauensvorschuss in diesem Fall.

Unterschiedlich, dennoch typisch

So unterschiedlich beide Situationen waren, so typisch sind sie doch für die Erlebnisse als Veganer*in bei Restaurantbesuchen. Daher meine Bitte an alle Gastronom*innen: Habt Verständnis für unsere Sorgen! Und am besten entkräften könnt Ihr sie, indem Ihr signalisiert, dass Ihr wisst, worauf es bei der veganen Küche ankommt. Eine eindeutige Kennzeichnung in der Speisekarte, die zwischen vegetarisch und vegan unterscheidet, hilft sehr. Und bitte nicht mehr den Salat mit Putenstreifen oder Thunfisch in der Kategorie Vegetarisch auflisten, auch nicht den Zander unter „Fleischlose Gerichte“. Auch wenn es für 90 % Eurer Gäste keine Rolle spielt. Es gibt diejenigen, die drauf achten und die es wertschätzen, wenn ihre Bedürfnisse ernst genommen werden. Es ist längst nicht mehr die exotische Minderheit, die auf diese „Kleinigkeiten“ achtet. 

Und ich verspreche: Dann komme ich auch gern mit mehr Vertrauensvorschuss in Euer Restaurant und versuche nicht zu nerven.

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