Kolumne (3) – Er sagt es dir!

Frau mit Gemüsekorb und Megaphone (KI erzeugt)

Es traf mich wieder gänzlich unerwartet, in sympathischer Gesellschaft, bei angenehm gelöster Stimmung. Plötzlich aus dem Nichts tauchte ein V-Witz auf: „Woran erkennt man einen Veganer?“
Ich ahnte schon, dass ich falsch lag, doch konnte ich mich nicht zurückhalten:
„An der gesunden Gesichtsfarbe!“, gab ich in die Runde.
„Nein, na, er sagt es dir schon! Ha-ha-ha! Verstehst du? Er sagt es dir!“

Um mich gluckste es begeistert, ich lachte höflich mit, doch weinte es in mir. Gut, dachte, ich habe nicht erzählt, dass ich Soja-Hack esse und kein Schweineschnitzel. Also bin ich offenbar schon ein Gegenbeispiel. Leider schaffte ich es nicht mehr, das zu verbergen.

„Wie, Du? Echt jetzt?“
Betretenes Schweigen. Immerhin war mir, wenn auch auf Kosten eines geselligen Abends, der Gegenbeweis gelungen. Ich hatte es ihm, dem flüchtigen Bekannten, bisher nicht gesagt, dass ich fast vegan lebe. Und selbst wenn ich es schaffe, das „fast“ irgendwann zu streichen, hätte ich es in der Runde ebenfalls nicht getan.

Das Gespräch nahm langsam wieder Fahrt auf. Doch ich grübelte. Stimmt das eigentlich? Sagen es einem alle Veganer und -innen? Reiben sie es einem wirklich bei erster Gelegenheit unter die Nase? Und zwar mit genügend Penetranz, dass es zu einem eigenen Humorgenre gereicht? Veganer*innen scheinen ohnehin die letzte Minderheit zu sein, über die Witze zu machen politisch korrekt ist. Schließlich haben diese armen Menschen ihr Randgruppentum doch selbst gewählt! In der Pointe jedenfalls steckte offenbar so viel Wahrheit, dass es in dieser Runde hämisches „Jo, ha-ha!“ erzeugte. Gefolgt von weiteren Witzen über Greta Thunberg und Klimakleber.

„Er sagt es dir“ sieht in der Vorstellung jenes Carnivoren vermutlich folgendermaßen aus: Frau (die sind in solchen Witzen immer mitgemeint) um die 40, knallrot gefärbte Haare, schlabbrige Strickkleidung, Jutebeutel mit Gemüse am Arm, oder noch besser ein Lastenfahrrad mit Gemüsekiste und drei Kindern schiebend, läuft durch die Fußgängerzone einer deutschen Mittelstadt und ruft durch ein Megaphone: „Hier, schaut her, ich, ich bin es, eine Veganerin! Ich esse nur vegan, denn ich liebe alle Tiere! Ich bin gut und ihr seid böse!“

In meiner Erfahrung ist meine Anwesenheit und das Wissen über mein Essverhalten für viele schon eine Provokation, ohne dass ich es explizit erwähne.

Bei mir ist es eher anders herum. Ich vermeide unter Menschen, die ich wenig kenne das Thema Ernährung, wenn ich es irgendwie schaffe. Ich bin die Sprüche nämlich leid, die ich inzwischen alle auf meiner 12-Punke-Bullshit-Bingo-Liste abhaken kann. Manchmal lässt es sich natürlich nicht vermeiden. Wenn man gemeinsam isst, dann kommt man um das Thema Essen nicht herum. Beispielsweise muss man bei der Bestellung nachfragen, ob die Bratkartoffeln ohne Speck sind oder ob es Hafermilch für den Cappucchino gibt. Ist das schon mit „er sagt es dir“ gemeint?“ In meiner Erfahrung ist meine Anwesenheit und das Wissen über mein Essverhalten für viele schon eine Provokation, ohne dass ich es explizit erwähne. Sprüche kommen häufig, fast immer ein Kommentar, ausgiebige Erzählungen, wie wenig Fleisch man denn esse höre ich regelmäßig. Ich brauche das Thema gar nicht zu anzusprechen.

Ich lächle es weg und hoffe, dass schnell ein anderes Thema gefunden wird. Es sei denn, ein Mitmensch ist wirklich interessiert und fragt mich nach meiner Meinung und nach meinen Herausforderungen im Alltag.

Natürlich gibt es auch unter Veganer*innen die Diskussionsfreudigen. Auch die Missionierenden, die das Thema gezielt suchen, um im Gespräch andere zu überzeugen oder zumindest deren Verhalten zu kritisieren. Ich schätze mal, der Anteil der Missionierenden liegt bei 5 %, das der Diskussionsfreudigen vielleicht bei 10 %. Respekt, wer sich der Aufgabe stellt. Auch ich versuche manchmal zu überzeugen, doch auf anderem Weg.

Die Gruppe der „Er-sagt-es-dir“ sind nach meiner groben Schätzung also 15 % der Veganer*innen. Die Spitze des Eisbergs, die aus dem Wasser ragt. Die große Menge, die unter der Oberfläche treibt, ist für Dich also unsichbar, lieber Bekannter, der Veganer-Witze mag. Nimm also die Zahl derer, die Dir ihren Lebensstil unter die Nase reiben, multipliziere sie mit 7 und Du weißt, über wie viele Menschen Du Dich lustig gemacht hast. 

Es gibt eine Statistik (Umfrage zum Thema „Pflanzenbetonte Ernährung“ vom Forsa-Institut von August 2023), die besagt, dass sich in Deutschland inzwischen 12 % fleischlos ernähren, davon 3 % vegan. Es gibt also in Deiner 25.000 Seelen zählenden Kleinstadt schon 750 Menschen, die sich vegan ernähren. Und täglich werden es mehr. Manchmal wünsche ich mir, sie würden es allen sagen, damit ich sehe, wie viele es schon sind!

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